Was bringen Aerolaufräder wirklich? (aus trinews.at)

Eine an mich adressierte Frage auf trinews.at:

“Was bringen Aerolaufräder wirklich? Auf der einen Seite liest man, die bewirken erst ab einem Geschwindigkeitslevel von ca 37 km/h einen wirklichen Vorteil, auf der anderen Seite gibts vielleicht auch den Kick im Kopf.

Ich meine ich bin ehrlich gesagt recht selten im Geschwindigkeitsbereich von über 27 km/H daher meine Frage, lohnt sich die doch recht teure Inverstition wirklich, oder ist das für Hobbysportler eher was fürs Ego bzw die Optik?
Danke und lg Bernd”

Nähern wir uns dem Thema anhand meiner Philosophie “posing, porn & triathlon”.

Posing: Ginge man allein nach dem triathlotischen Balzverhalten, müsste man sich Aerolaufräder noch vor der Schwimmbrille kaufen. Nur damit hat man vor dem Eiscafé oder der Wechselzone einen gelungenen Auftritt. Darüber hinaus verkündet z.B. das *VoppVoppVopp* der Xentis TT von der jähen Ankunft eines Kampfpiloten im Tiefflug.

Porn: Ja. Ja! JA! Je höher desto gut. An einem teuren hochgezüchteten Rennpferd würden niedrige Alufelgen ähnlich deplatziert wirken wie 14″ Stahlfelgen an einem Ferrari 599 und sind von daher maximal im Trainingseinsatz gestattet. Andererseits sind teure Carbonfelgen an einem 20 Jahre alten Stahlbomber mit Zusatzauflieger ebenfalls nicht standesgemäß. Und für Hochprofilfelgen mit Alubremsflanke (statt Vollcarbonfelgen) hagelt es ebenfalls Abzüge in der B-Note.

Triathlon: Es ist ein Irrglaube, dass Aerolaufräder erst “ab Geschwindigkeit XX” etwas bringen. In Wirklichkeit ist es sogar so, dass der absolute Zeitgewinn umso größer ist, je LANGSAMER man fährt. Klarerweise spart man sich mehr Watt an Leistung, je schneller man fährt, doch auf Grund der insgesamt höheren Geschwindigkeit und des daraus resultierenden Luftwiderstandes (der Luftwiderstand wächst im Quadrat zur Geschwindigkeit!) wird man diese Mehr-Ersparnis an Watt nicht direkt proportional in mehr Geschwindigkeit übertragen. Um es etwas simpler zu formulieren: Fahrer A bewältigt die 180 km in 4:30 h (40 km/h Schnitt), Fahrer B in 6:00 h (30 km/h Schnitt). Fahrer A leistet ca. 250 W im Schnitt und würde sich *Hausnummer* 30 W mit Aerolaufrädern sparen. Fahrer B leistet 180 W und könnte sich nur 20 W ersparen. Allerdings würde er mit dieser geringeren Ersparnis mehr Zeit gutmachen als A, da der Gesamtluftwiderstand ja ebenfalls weit niedriger ist. Und wir reden hier von einigen Minuten! Zu beachten ist jedoch, dass “höher” nicht gleich “schneller” bedeutet. Es gilt den effektiven Anströmungswinkel der Felge zu beachten – in der freien Wildbahn strömt der Wind stets von der Seite (nicht direkt von vorne) an. Je schneller man selbst fährt, desto kleiner wird der tatsächliche Anströmungswinkel. Fährt man beispielsweise mit 35 km/h geradeaus und hat 10 km/h Gegenwind, der mit 45° von links-vorne anbläst, beträgt der für die Performance der Aerolaufräder relevante Anströmungswinkel knapp 10° bei 41 km/h Windwiderstand.

Soweit alles unklar? Gut, was schließen wir daraus: Je langsamer ich fahre oder je stärker der Wind von der Seite bläst, desto weniger bringen möglichst hohe Laufräder, weil die Luft nicht mehr sauber von der Felge abströmen kann und der Luftstrom abreißt. “Stalling” nennt sich das im Flieger-Englisch und ist der Albtraum eines jeden Piloten – der Anstellwinkel des Flügel ist zu groß geworden, der Auftrieb reißt ab und das Flugzeug sackt unkontrollierbar zu Boden. Als Radfahrer kennt man das Problem: Das Laufrad fühlt sich windanfällig an und wird schwer kontrollierbar (insofern sind Pauschalurteile wie “Laufrad A ist weniger windanfällig wie Laufrad B” unzulässig, da Laufrad B unter einem schnelleren Fahrer vermutlich weniger leicht “stallt”).

So, nun wollen wir unseren Exkurs in die Physik der Triathleten auch wieder beenden. Was haben wir gelernt? In Sachen “Posing” und “Porn” sind möglichst hohe Aerolaufräder das Non-Plus-Ultra. Auch allen, die schneller von A nach B kommen wollen, seien Hochprofilfelgen schwerst empfohlen – sofern sie eben die passenden (und das sind nicht immer automatisch die höchsten).

Alternativ ist auch der Erwerb eines Zeitfahrhelms angeraten – mehr Zeitgewinn pro Euro gibt”s sonst nirgends im Geschäft!

Wie auch immer, letzten Endes kommt es immer auch auf den Motor an: Wer sein Geld lieber in zwei Trainingslager, Trainingsplanung und Massagen investieren möchte, dessen Grinser wird umso größer sein, wenn er beim nächsten Rennen seine mit Zipfelmütze und Bollerfelgen bewaffneten Gegner in die Erde stampft.

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2 Antworten zu Was bringen Aerolaufräder wirklich? (aus trinews.at)

  1. swimbikeruneatsleep schreibt:

    sehr schöner artikel !
    gruß timo

  2. Sepp schreibt:

    Wer einen “grossen” hat sollte sich unbedingt ein paar aeros zulegen,…
    ich hab nun beides ;-)))) und sieht erst noch geil aus.

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