Do you come from a land down under?

Wenn man ein wirtschaftliches Wagnis eingeht, ist es üblich, dieses anschließend auf einen generierten Mehrwert hin zu untersuchen. Im Falle meines Australien-Trips fällt das Ergebnis zum Glück positiv aus. Die Einblicke in die australische Trainingsmentalität waren definitiv horizonterweiternd, vor allem im Schwimmen. Wenn ich jetzt an mein früheres Beckentraining in Österreich zurückdenke, und an das, was auf den Nebenbahnen passierte, wirkt das nach drei Monaten Gehirnwäsche im Miami Aquatic Center nun wie eine Wellness-Persiflage.

Aussie-Credo Nr. 1: Viel hilft viel. Bin ich in Österreich noch um die 4,2 – 4,8 km geschwommen, waren es in der Squad von Denis Cotterell stets 6 km.

Aussie-Credo Nr. 2: Pausen sind zu vermeiden. Geschwommen wurde meist im 45-Sekunden-Zyklus, sprich 50 m mit 45“ Startintervall, 100 m in 1:30 usw. – selbst wenn man mit Pullbuoy & Band oder Kraul/Delfin-Lagen schwimmt.

Aussie-Credo Nr. 3 (eigentlich die Synopsis aus Credos 1 & 2): Grundlage ist ein Mythos; es gibt sie ebenso wenig wie Geister, Feen oder Eskimos. Die einzig validen Trainingsbereiche sind „Nasenbluten“, „Ohrenbluten“ und „Hirnbluten“. Nach den ersten beiden Tagen Aqua-Inferno war ich halbtot, nach den ersten beiden Wochen war das Schlimmste überstanden. Letzten Endes war es aber gut zu sehen, wie hart man auf Dauer trainieren kann. Gerade als Langdistanztriathlet ist man ja stets versucht zu locker zu trainieren, aber gerade im Wasser kommt „schnell schwimmen“ halt nur vom schnellen Schwimmen. Insofern muss ich an dieser Stelle auch viele Leser enttäuschen: Es gibt keinen magischen Armzug, keine Wunder-Rückholphase über Wasser, sondern nur beinhartes Wetzen bis zur Bewusstlosigkeit. Erst wenn man das akzeptiert hat, wird man beim Schwimmen weiterkommen.

Schwimmtraining hinterlässt Spuren: +3 kg, -5 sek./100 m

Abgesehen von sportlichen Dingen war die Gold Coast aber eher enttäuschend. Sie lässt sich am ehesten als White Trash Paradise beschreiben. Es fehlt allerorts an Substanz und Tiefgang; Schein zählt mehr als Sein. Beispielsweise schöne Häuser, die sich bei genauerer Betrachtung als oberflächlich renovierte Pfusch-Buden herausstellen. Regnet es etwas länger, tropft das Wasser durchs Dach und weicht die Gipskarton-Decke auf, bis sich alles über dem Fernseher ergießt. Ziegelbauweise braucht man nicht, man setzt lieber auf schnelle Holzlatten-Gerüste, die – um nett auszusehen – großzügig verkleidet werden. Da stört es dann auch nicht, dass die Türen bei feuchtem Wetter nicht mehr schließen, weil sich der Rahmen verzogen hat. Oder gebrochene Dachziegel, die schnell mit Silikon zusammengepappt werden. Es rinnt zwar immer noch durch, aber das sieht man von außen ja nicht. Der Wasserhahn in der Spüle hört nicht auf zu tropfen? Egal, macht man halt den XXL Plasma-Fernseher lauter.

Mit den Autos hält man es ähnlich: Selbst desolate Gewerbe-Pickups rollen auf Niederquerschnittsreifen und Chromfelgen. Unter 300 PS V8 Motoren geht ohnehin nichts, und damit das auch jeder Depp merkt, dröhnt selbst die biederste Familien-Limousine aus einem Auspuffrohr der Dimension „U-Bahn-Schacht“. Und selbst stilsichere Heiligtümer wie ein Mercedes CLS oder eine S-Klasse (natürlich stets in der AMG-Version) werden hier ohne Rücksicht auf Verluste geschändet: Komplette Typenschilder am Heck, Heckspoiler, tiefer, breiter, 20“ Chromfelgen und ein Wunschkennzeichen mit „TIS MINE“ daran.

Das Gros der Bevölkerung kommt schon tätowiert auf die Welt, allerdings auch hier selten geschmackssicher. Nacken, Hals, Full-Sleeve, bei Frauen auch gerne beidseitig die Oberschenkelrückseite (??); in den meisten Fällen nicht kolorierte, einfallslose Motive.

Das volle Ausmaß der kulturellen Wüste wird einem aber erst bewusst, wenn es zu den Weihnachtsfeiertagen fünf Tage pausenlos durchschüttet. In diesem Fall kann man entweder zum x-ten Mal in eine der millionen Shopping-Malls gehen oder sich in Surfer’s Paradise betrinken. Mit Ausnahme einer Art-Gallery gibt es dort sonst quasi nichts Sehenswertes – keinen historischen Ortskern, keine Museen, keine Bauten. Als ich noch voll trainiert habe, fiel das alles nicht so sehr ins Gewicht. Aber in den vier Wochen meiner Off-Season zeigte sich: Hier trainieren? Ja! Hier leben? Nein danke.

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6 Antworten zu Do you come from a land down under?

  1. muzze schreibt:

    Wo ist die Speedo und die IM Bademütze? Wie soll man dich sonst beim surfen als Dreikämpfer identifizieren???

  2. Franz Huber schreibt:

    “The Flight of the Conchords” haben schon recht mit ihren Ansichten ueber Australien… Wenn schon in diese Richtung auswandern, dann wenigstens nach Neuseeland.

  3. temi schreibt:

    +3kg “nur” mit Schwimmtraining oder zusätzlich Muckibude? In welchem Zeitraum hast du die formschönen Kilos zugelegt?
    Hoffe das Radtraining in Spanien hat gut angefangen
    lg

  4. Andi schreibt:

    danke für den Beitrag, wir wurden auf unserem Badenentenniveau inspiriert.
    Die neue Einheit im Badezimmer heißt:
    “keulen bis zum heulen” 60 min nur 50m Sprints
    lg,a.

  5. Jörg schreibt:

    Eieiei. Das war ja mal wieder ein richtig netter Beitrag.
    Gold Coast ist halt wie Florida – unterstes Niveau. Kultur gibt’s halt doch am besten in the old world.
    Mit Credo #1 hast Du mich mal wieder dran erinnert, warum ich immer noch auf so einem mickrigen Niveau rumgurke. Von nix kommt halt auch nix!

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