Reading comprehension

„Zwei Dinge sind unendlich: Die Dummheit und das Universum. Aber beim Universum bin ich mir nicht sicher.“ (Albert Einstein)

Ich fange wirklich an, an der Menschheit zu verzweifeln. Da stellt man je ein defektes Zipp Carbon-Vorderrad und -Hinterrad zu einem symbolischen Preis (99,-/159,-) zwecks Verkauf ins Internet, beschreibt Zustand (Felgen mehrfach gebrochen, Naben gut in Schuss) und fügt Bilder hinzu, und dann sind 50% der Fragen folgende:

  • Was hat denn die Felge? (sogar mehrfach erhalten)
  • Wie viele Speichen haben die Laufräder? (Zählen anscheinend zu mühsam)
  • Kann man beim Preis noch was machen? (klar, allein die Hinterradnabe kostet zwar auf ebay neu fast das Doppelte, aber ich lege gerne noch 200,- in bar dazu)

Vielleicht liegt es an dem „Geiz ist geil“ Drill der Werbung, dass Leuten bei niedrigen Preisen das Hirn aussetzt. Oder dass man schamlos ohne den Kaufpreis zu beachten gleich mal handeln will. Nicht falsch verstehen: Gegen Feilschen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Aber wenn ich z.B.: ein Fahrrad zu einem wirklich niedrigen Preis (aus Desinteresse; um jungen Leuten eine Chance auf leistbares Material zu geben; oder sonst was) verkaufe, und der Interessent - noch bevor er das Bike überhaupt gesehen hat – schon fragt, „ob man beim Preis noch was machen kann“, geht mir salopp gesagt das G’impfte auf. Schon allein aus diesem Grund bekommt diese Person das Bike NICHT.

Ich könnte ja Swarovski-Steine draufgeklebt haben. Die Speichen mit Echtgold überzogen haben. Teuerste Titanschrauben verbaut haben. Ich habe kein Problem damit, einen Nachlass zu gewähren, wenn der Preis marktüblich ist und ein unentdeckter Mangel (z.B.: ein verschlissenes Tretlager) festgestellt wird. Man kann über alles reden, wenn man sachlich argumentiert.

Aber ohne Realitätsbezug gleich mal den Preis zu drücken versuchen, hat mit normalen Feilschen nichts zu tun.

Nachtrag: Mag sein, dass wir uns im Web 2.0 Zeitalter dank Milliarden Blogs, Twitter, Facebook etc. in einer Zeit befinden, in der mehr geschrieben als gelesen wird. Millionen Foren zu jedem Interessensgebiet bis hin zum Gartenzwerg-Frisurdesign, dazu wer-weiss-was.cum, und keiner ist fähig auch nur eine Sekunde lang Google oder eine andere Suchfunktion zu benutzen. Anstatt selbständig zu denken oder sich zu bemühen, wälzt man die Arbeit an irgendwelche anonymen Vollidioten mit Helfer-/Klugscheisser-Syndrom ab. Die werden das schon erledigen.

Kein Wunder, dass man heute schon Minister werden kann, wenn man fähig ist, seine Doktorarbeit per Google zusammenzukopieren.

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14 Antworten zu Reading comprehension

  1. Rocco schreibt:

    Passend zum Thema: Gerade eben meldet sich ein Anrufer am Telefon. Er würde gerne die nahezu ungefahrenen Sommer-Kompletträder vom alten 2er Golf meiner Freundin kaufen. Als Hauptsache-weg-Preis wurden faire € 111,- (= € 27,75 pro Stück) aufgerufen. Ich erkläre mich sogar bereit, die Reifen in die 40 km entfernte SCS zu bringen. Und dann fragt er, ob man beim Preis „ned no wos mochn kann“…

  2. Jörg schreibt:

    Zumal das ja wohl generell die DUMMSTE aller Fragen in einem Verhandlungs-(Feilsch-)Gespräch ist!
    Klare Antwort von mir an der Stelle IMMER: Nein!
    Denn die Frage zeigt ja auch, dass derjenige nicht nur zu faul ist, die Speichen zu zählen, sondern auch einen intelligenten, kreativen Vorschlag zu machen.

  3. Schnuckel schreibt:

    Das ist halt Feilschen auf deutsch (meinetwegen auch auf österreichisch). Keine Fantasie, keine Eleganz, keine Freude an rhetorischem Sparring. Einfach nur dumpf: Billig muss es sein! Damit man hinterher angeben kann, wie viel man noch rausgeholt. Wie viel schlauer und toler als der Verkäufer man war.

    • Rocco schreibt:

      Bei manchen Preisen wird aber einfach nimmer verhandelt. Is ne Frage der Fairness oder des Anstandes. Wenn ich Xentis TT zum Hosen-runter-Preis von 500,- verkaufe, kann man doch auch nicht allen Ernstes noch fragen, ob da preislich noch was geht.
      Beispiel Sommereifen (500 km gefahren): 56,- + 13,- Montage + 10,- Restwert Felge = 79,- pro Stück x 4 = 316,-. Verkauft wurden sie um 111,-, also knapp ein Drittel. Und dazu noch 40 km weit geliefert! Und bei der Übergabe sagt er mir dann noch, dass der Preis eh sehr gut ist und alle anderen viel mehr verlangen.

      Ich mein, wer nen Golf II fährt, ist selten Top-Manager und ohnehin schon mit vermutlich weniger Kohle gesegnet. Da macht man nen fairen Preis und dann sowas…

      • Rocco schreibt:

        Gerade wieder ne Mail bekommen, betreffend des Zipp Vorderrades um 99,-. Ja genau: „Ist es noch da? Kann man am Preis noch was machen?“

        Hab jetzt einfach mal geantwortet: „Klar, darfst mir gerne auch mehr geben.“

        Unpackbar…

  4. Reini schreibt:

    Ich nehme an, du hättest die Fahrt zur SCS mit einem Schwimmtraining in der Südstadt verbunden! ;-)

  5. Stella schreibt:

    Also Vorsicht: selbst wenn ich Inhaberin einer Bank gewesen wär, ich wär trotzdem meinen Golf gefahren :-)

  6. halmdienst jochen schreibt:

    hi
    ich würde gerne dein srm haben und vielleicht auch noch deinen um 15 jahre jüngeren körper damit ich auch mal nach hawaii komme- den m18 wm titel täte ich auch nehmen-vielleicht gegen geringen aufpreis
    preis könnten wir noch verhandeln- aber mehr als 100 euro kann ich dir nicht geben

    mit sportlichen grüssen aus upper austria
    immer wieder erfreut über diese doch so wahren artikel

  7. Clemens schreibt:

    aus meiner sicht liegt das an der wunderbaren mentalität, die ich in den letzten 1,5 jahren beim häuslbauen kennenlernen durfte: egal ob du kaufst oder verkaufst, der erste preis den du siehst ist einmal grundsätzlich irrelevant sondern dient lediglich zwei möglichkeiten:
    A) es könnte sich ja ein „deppada“ finden, der den preis wirklich zahlt
    B) „nachlassen kann man ja noch immer“.
    warum dies so sein muss, entzieht sich meiner phantasie – jedenfalls ist es hierzulande weitestgehend undenkbar, EIN schlicht und ergreifend ehrliches und faires angebot anzunehmen oder zu stellen.
    der langen rede kurzer sinn: selbst wann du dein neues simplon bike um EUR 149,- zum verkauf anbietest, wird die überwiegende mehrheit davon ausgehen, dass dieses angebot niemals dem entspricht, was du wirklich dafür haben willst und dich danach fragen, was man da machen kann und wie weit du beim preis runtergehen willst …

  8. Oliver schreibt:

    Du könntest es aber auch umgekehrt angehen und erkennen, dass Menschen mit einem Deal viel eher zufrieden sind, wenn sie das Gefühl haben, einen persönlichen Sieg erreicht zu haben.
    Ich meine es geht meist weniger um das weniger-zahlen als um das etwas-herausverhandelt-haben. Letzteres lässt sich dann auch als Heldengeschichte weiter erzählen und dadurch erhält der Deal für den Käufer einen zusätzlichen Mehrwert.
    Du kennst das doch sicher aus – du erzählst jemanden dass du dir etwas gekauft hast und dass du es preislich für recht günstig oder aber auch „nur“ fair hältst und dann kontert derjenige plötzlich mit einer story die eigentlich nichts mit allem zu tun hat und als Kern bloß ein „und dann hab ich noch x% rausverhandelt“ beinhaltet.
    Ev. traurig, wahrscheinlich wahr und jedenfalls zutiefst menschlich ;)

  9. Torsten schreibt:

    Ich gebe dir bezüglich deines Beitrages vollkommen recht, es gibt immer wieder und leider zu häufig solche Mitbürger.

    ABER:

    „Kein Wunder, dass man heute schon Minister werden kann, wenn man fähig ist, seine Doktorarbeit per Google zusammenzukopieren.“

    Das finde ich auf der einen Seite unangebracht und zum anderen hat das nix mit dem Verkauf deiner Felgen zu tun. Des weiteren, wurde der Minister nicht Minister wegen seinem Dr. Titel, das ist eine falsche Schlussfolgerung.

    • Rocco schreibt:

      ich hab das auch nicht auf die felgen bezogen, sondern darauf, dass die menschheit heutzutage scheinbar entweder unfähig oder zu faul zum googlen/arsch-hochkriegen-und-suchen ist, und dass man scheinbar (überspitzt gesagt) schon für höhere sphären qualifiziert zu sein scheint, wenn man eine suchmaschine bedienen kann.

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