Keks-Merkantilismus

Prinzipiell kann es einem ja ziemlich powidl sein, was und wieviel man zwischen Weihnachten und Neujahr gegessen hat. Wichtiger ist schließlich, was zwischen Neujahr und Weihnachten einer prandialen Erledigung zugeführt wird. Damit das Ganze aber nicht völlig aus dem Ruder läuft, eine kleine Einweisung in die taktische Kekskriegführung.

Weihnachten ist bekanntlich eine Zeit, in der zahlreiche Traditionen und B(r)äuche gepflegt werden. So ist es etwa unumgänglich, dass die Großmutter auch heuer wieder Scheibtruhen (für die Preußen: Schubkarren) voll Kekse bäckt, obwohl sie „eh eigentlich gar keine machen will“. Oder, dass die Verwandschaft, ganz der Tradition und dem Weihnachtsfrieden verpflichtet, auch heuer wieder eben diese Kekse scheibtruhenweise mit nach Hause nimmt, obwohl sie „eh eigentlich gar keine haben will“. Oder aber auch, dass besagtes Naschwerk stetig schwindet, obwohl sie „eh eigentlich gar keiner essen will“. Die Großmutter nimmt den Verzehr wohlwollend zur Kenntnis und erhöht die Vororder für das Folgejahr sodenn um 20%, womit das Spiel dann erneut beginnen kann.

Was also tun, um dem Teufelskreis zu entkommen? Einfrieren (die Kekse, nicht die Großmutter) wäre eine Möglichkeit. Steht im Folgejahr dann das Unausweichliche bevor, zückt man schnell mit den Worten „…und übrigens danke nochmal für die Kekse, die du mir letzte Woche gegeben hast!“ die aufgetaute Dose und ist fein raus. Nachteil: Um genügend Verwirrung zu stiften, bedarf es zahlreicher Besuche in den vorhergegangenen Wochen, was je nach Verwandtschaft ein kleinerer oder größerer Preis sein kann.

Nächste Option: Strecken. Was bei kolumbianischen Koks-Dealern funktioniert, kann bei Weihnachtskeksen auch keine schlechte Wahl sein. Vanillekipferln und Co. werden in kleinere Stückchen gebrochen und unter alltägliche Speisen, z.B. das Frühstücksmüsli (kleines Bimpfi) oder den Nutella-Aufstrich (großes Bimpfi), gemischt. Zwar verbessert sich der prozentuelle Fettgehalt des Essens, die Gesamtkalorienzahl steigt allerdings. Doch das sind bloß anfängliche Startprobleme – sind Verwandtschaft und Nachbarn erst einmal von den Rumkugel-Schnitzeln überzeugt, wird der Betrieb bestimmt schnell Fahrt aufnehmen.

Bei der letzten Möglichkeit greift man auf ein altes wirtschaftspolitisches Konzept zurück: den Merkantilismus. Dessen Ziel bestand in einer positiven Außenhandelsbilanz, sprich mehr Exporte als Importe. Für unser Kekse-Dilemma folgern wir also, dann man nur dann erfolgreich ist, wenn man mehr Kekse in die Bürokantine oder zum Vereinsschwimmen mitbringt, als man von anderen zum Verzehr genötigt wird. Auch das Weiterverschenken ganzer Dosen soll von besonders dreisten Zeitgenossen bereits geschafft worden sein. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die leeren Keksdosen mit den furchtbaren dänischen Butterkeks-Bildern darauf unbedingt den Weg zurück zur Großmutter finden (werden seit 50 Jahren keine Keksdosen mehr hergestellt?). Des Weiteren ist zu erwähnen, dass der Merkantilismus gesamtwirtschaftlich gesehen ein Nullsummenspiel ist – was ich an Keksen loswerde, muss irgendwer anderer dafür mehr essen. Daher gilt es in erster Linie die eigene positive Handelsbilanz sicherzustellen.

Notfalls gewaltsam mittels Zwangsfütterung oder Entzug restlicher Nahrungsmittel.

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Eine Antwort zu Keks-Merkantilismus

  1. Kurtl schreibt:

    Einfach großartig der Beitrag, ich hab mich totgelacht. Grüße aus Kagran Kurtl

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