Was läuft?

Ich jedenfalls bis heute nicht. Seit über sechs Wochen schleppe ich eine lästige Achillessehnenentzündung mit mir herum, die zum Glück aber allmählich besser wird. Dr. Barbara Schwab a.k.a. “Doc-B” hat mir wie so oft erneut gut geholfen, und dieses Mal bekam ich zusätzlich propioprozeptive podologische Einlagen verpasst. Ziemlich interessantes und verblüffendes Zeug!

Auslöser für die Troubles war wieder einmal meine Unbelehrbarkeit und die Neigung zur Brechstange. Lange Läufe, gepaart mit Sprunglaufserien bergauf und alten ausgelaufenen Schuhen sind eine schlechte Kombination, vor allem in Verbindung mit unzureichendem Krafttraining davor. Nachdem Barbara die Beschwerden beim ersten Mal relativ schnell und gut wieder weggebracht hatte (Stoßwelle, Akupunkturlaser), ging ich einen Tag vor Abflug zum Trainingslager wieder laufen. Natürlich glewich wieder über eine Stunde, damit’s auch einen Sinn hat und der Körper zu verstehen bekommt, wer hier der Boss ist.

Am nächsten Tag bestieg ich den Flieger mit einem Radkoffer und einer prächtigen Achillessehnenentzündung. Merke: Sowas wird nicht besser, wenn man zwei Wochen lang lange und hart Rad fährt.

Der zweite Heilungsverlauf war nicht zuletzt auf Grund des begleitenden hohen Trainingsumfangs durchaus langwieriger, und fast zwei Wochen lang tat sich gar nichts. Barbara gab mir dann den Tipp, mir zusätzlich propio… proprio… propriozet… äh… neue Einlagen zu besorgen.

Das Besondere: Es handelt sich um keine herkömmlichen dicken Schaumstoffteile mit Mittelfußstütze, sondern um hauchdünne Einlegesohlen und feinen Korkplättchen (1-3 mm) an speziellen, individuell unterschiedlichen Stellen, die die komplette Körperhaltung ins Lot rücken, mehr Kraft bringen und meine Probleme beseitigen. Für mich als Bauernfängerei-kritischen Konsumenten klang das genauso glaubwürdig wie Granderwasser, entstörte Haushaltsgeräte und Wasserader-Harmonisierungsplatten. Allerdings, ich hatte auch Akupunktur für Humbug gehalten, bis ich Barbara kennengelernt habe.

Es stellte sich heraus, dass ein guter Kumpel und Triathlet nicht nur diplomierter Sportwissenschafter ist, sondern als Experte für Körperstatik und Bewegungsanalyse auch genau solche proprio… speziellen Einlagen baut. Seit Jahren. (die weibliche Leserschaft darf sich an dieser Stelle in ihrem Vorurteil bestätigt fühlen, dass Männer immer nur über Frauen, Autos und Carbonlaufräder reden, ohne zu wissen, was der andere überhaupt so tut)

die Probe-Plättchen

Ich fuhr also zu Matthias’ Wirkungsstätte, in das Orthopädie Geschäft Obermeissner in Stockerau , und ließ ihn werken. Statik-Check, Bewegungsanalyse, Fußabdrücke, Befragung und dergleichen ließ ich über mich ergehen, ehe wir den eigentlichen Einlagen näherkamen. Auf einem Podest stehend wurde mein Rücken gescannt und sofort alle Schwächen, vom Beckenschiefstand über die seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule bis hin zu den unterschiedlich hohen Schultern, gnadenlos aufgedeckt. Im nächsten Schritt positionierte Matthias dünne handgefertigte Plättchen unter den Füßen. Links andere als rechts, zwischen ein und drei Millimeter maximal dick.

Als er fertig ist, kann ich es nicht glauben: Beckenschiefstand von 6 mm weg! Schultern gerade! Nacken nach links und rechts gleich weit drehbar! Messbar größere Kraft in den Schultern!

Nie im Leben hätte ich so etwas erwartet. Ganz verstehe ich es noch immer nicht. Wikipedia spuckt zum Thema Propriozeption folgendes aus:

An der Propriozeption sind in erster Linie die Tiefensensibilität sowie das Vestibularorgan beteiligt. Die Oberflächensensibilität spielt eine nur untergeordnete Rolle. Die propriozeptive Reize vermittelnden Organellen sind die Propriozeptoren und Interozeptoren. Es handelt sich z. B. um Mechanorezeptoren, die als sensible Endorgane auf Zustand und Zustandsänderungen des Bewegungs- und Halteapparats ansprechen (Muskelspindeln, Sehnenspindeln), aber auch um andere Rezeptoren, die Zustand und Zustandsänderungen des eigenen Körpers signalisieren.
[...]
Als Hauptfeld der sensorischen Rinde ist die hintere Zentralwindung anzusehen, die ihre Impulse bzw. Fasern vom Trigeminus und von den aufsteigenden Hinterstrangbahnen erhält. Die somatotopische Gliederung der engen Nachbarschaft von hinterer und vorderer Zentralwindung wiederholt in gewisser Weise den Bauplan des Rückenmarks (aufsteigende Hinterstrangbahnen und gemischte teils auf- und absteigende Vorderseitenstrangbahnen). Durch Reizung sensibler Körperregionen werden die entsprechenden motorischen Regionen einschließlich ihrer Thalamuskerne in Bereitschaft gehalten. Der Körper wird so leichter in die Lage versetzt, mit zweckmäßigen Bewegungen zu reagieren.
Auch gewisse afferente zum Gyrus praecentralis (Area 4 und 6) ziehende Fasern dienen offenbar der Verarbeitung propriozeptiver Empfindungen, welche die Voraussetzung für jede geregelte Motorik bilden. Sie stammen aus dem Cerebellum.
Propriozeptive Fasern ausgehend von Knochen, Gefäßen und viszeralen Organen wie etwa Herz und Darm ziehen zunächst zum Hypothalamus. Sie werden dort gekoppelt mit den Impulsen des hormonalen Systems und direkt in den Dienst der Regulation der vegetativen und animalen Körperfunktionen gestellt.

Soweit alles klar, oder? ;-) Was ich verstanden habe ist, dass es sich nicht um klassische mechanische Einlagen handelt im Sinne eines Keils, der auf der Innen- oder Außenseite des Fußes angebracht wird. Vielmehr wirken sie auf das Nervensystem, bekämpfen also nicht Symptome, sondern setzen bei der Ursache an.

Nach einigen Tagen Wartezeit erhielt ich schließlich meine handgefertigen Alcantara-Einlagen. Es folgte eine Nachkontrolle und Anpassung an die Schuhe (sollen ja in Rad- und Laufschuhe passen). Sie die ersten fünf Minuten zu tragen war ungewohnt, ab dann waren sie nicht mehr zu spüren. In vier und acht Wochen werden die Ergebnisse kontrolliert.

Mag sein, dass es Zufall war (glaube ich allerdings eher nicht), aber nach zwei Tagen waren die Beschwerden bereits deutlich (!) besser, nachdem sie fast vier Wochen unverändert gewesen waren. Unterm Strich muss ich sagen, dass die rund € 260,- zwar kein Schnäppchen, aber ihr Geld auf jeden Fall wert sind. Wenn man die vielen Arbeitsstunden, die erforderliche Expertise und den Heilungsverlauf berücksichtigt relativiert er sich ohnehin. Und dafür erspart man sich weitere Arzt- und Physiokosten. Der Rest obliegt jetzt nur mehr Barbara und mir. In wenigen Minuten starte ich wieder zur ersten Laufeinheit.

Seht selbst:

podo

barfuss

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6 Antworten zu Was läuft?

  1. Andi schreibt:

    mich würde ja interessieren wie du den Einstieg ins Lauftraining gestaltest und das drum rum (Gymnastik, Kraft…)…Ich habe es versemmelt, zu lang zu schnell und peng gleich wieder Probleme mit der Sehne. Diesmal andere Seite, wegen der Abwechslung…ist wirklich eine Seuche.
    lg a.

    • Rocco schreibt:

      sobald man schmerzfrei ist:

      - exzentrische wadenheber: mit fussspitze auf stufe stellen. 8 sek runter, 1 sek unten im stretch lassen, 2 sek rauf. runter einbeinig, rauf zweibeinig. 4 x 15-20 wdh pro bein
      - die einlagen eben tragen (training und alltag)
      - massieren, querfriktionen, mobilisieren
      - unterstützend kinesio-tape, um die sehne zu entlasten
      - wackelbrett etc., aber nicht übertreiben (vor allem wenn gleichzeitig mit wadenhebern!)
      - anfangs nur 10-15 min laufen, langsam steigern, ausreichend erholzeit zw einheiten (immer einen tag lauffrei dazwischen)

      • Jürgen Träxler schreibt:

        frage zu den “10-15 min läufen”:
        aufwärmen? –> gehen?
        wie schnell läufst du die 10-15 min?
        ausgehen?

        lg,
        jürgen

      • Rocco schreibt:

        nö, aufwärmen is bei mir beidbeinige wadenheber. tempo? ca 4:30/km schätze ich

      • Andreas schreibt:

        Danke,
        so ähnlich mache ich es auch…nur die 15″ die tun weh :) …habe seit Weihnachten die Seuche und als ich immer fast schmerzfrei war (nur in der früh aus dem Bett ein leichtes ziehen) bin ich ca. 50″ laufen gegangen…ich werde noch bis Freitag ruh geben und dann einmal um den Block laufen…Podoeinlagen und Wackelbrett sind immer am Mann (zumindest die Einlage :) )
        Bei den Wadenhebern gibt es leider keine eindeutige Fachmeinung, habe 2 dafür und 2 dagegen :) . Werde sie aber nicht absetzen und in das Training einbauen.

        lg,a.

  2. Alex schreibt:

    Hey Max ich wünsche Dir schon mal vorab viel Spaß bei deinen ersten Läufen mit den Einlagen. Ich für meinen Teil hatte danach Muskelkater wie am ersten Tag!
    Und auch die ein oder andere Blase lässt sich am Anfang leider nicht vermeiden… Also bewahre Dich vor der Brechstange, die tut sonst zweimal weh ;-)

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