Der kleine Niko

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem vielleicht nicht einfach zu lesenden, dafür umso mehr lesenswerten Essay über jenen Mann, der das Leistungsprinzip sowie das Verständnis von unabhängigen Medien mit Füßen tritt:

Der kleine Niko

Das Ende der Sozialdemokratie, es ist jetzt gekommen und ist jetzt da, nicht einmal mit einem Flüstern tritt es auf, sondern breit grinsend, ich bin nicht gekommen, euch den Frieden zu bringen, sondern mein entwaffnendes Grinsen (ein Schwert werden wir gar nicht mehr brauchen!), das sagt: Ich weiß nichts, aber ich weiß, daß ich nichts wissen muß, und mein Defizit, das ganze Länder versenken könnte, ist kein Stoffdefizit, der Stoff geht mir nicht aus, nie, und es muß kein Stoff sein, aus dem Träume sind. Den sollen sie im Fernsehn machen. Und ich mache den, der das Fernsehn macht. Ich muß nicht träumen. Ich bin, das genügt. Ein rotblonder, sympathischer junger Mann, Mitglied einer ganzen Sippe von Gekennzeichneten, das Gegenteil von: Gezeichneten, nicht ganz das Gegenteil von Bezeichneten, sie sind alle bezeichnet, so wie man Bäume fürs Gefälltwerden bezeichnet, und gefallen tun sie uns, dafür sorgen sie schon, oder nein, anders, vielleicht so: Das heißt, sie sind alle gekennzeichnet durch eine Nähe zu dieser Partei, der Onkel Politologieprofessor, der Vater Chefredakteur von Meinungsbildnern (das Gegenteil von Volksbildnern), die Freundin auch schon upgegradet, und sie bilden alle etwas ab, und ihr Ebenbild, der Sohn, ist jetzt auch was geworden in dieser Sippe, es war ja auch höchste Zeit, die mit unserer niedrigen und getretenen Zeit nichts zu tun hat, es ist eine ganz andre Zeit – nicht einmal unterm alten Kaiser hätte es dieses Sippenhafterl gegeben (nein, bloß nicht!, eine Sippenhaftung und eine Sippenverhaftung wird es selbstverständlich auch unter mir nicht geben, die lehne ich ab), mit dem sie alle zusammengeheftet sind. Dabei brauchen sie sich gar nicht zum Häkchen zu krümmen, weder früh, in dem jugendlichen Alter, in dem sie sind, der kleine Niko und seine Cousine im Geiste, die kesse, fesche Lola, nein, Laura, der Liebling der Nation, noch spät, da sie schon alles geworden sein werden, was ein Mensch sein kann, na ja, eigentlich sind sie es recht früh schon geworden, oder?, ein Mensch, der von Abhängigkeiten gezeichnet ist, in die er nun alle, vor allem die Unabhängigen, bisher halbwegs Unabhängigen, bringen muß, das ist seine Aufgabe: die Abhängigkeit. In die muß alles gebracht werden, was vom Herrn Fernsehdirektor kommt, dessen Büro eine Parteizentrale ist, und dessen Mitarbeiter andre Parteizentralen sind, ein Glück, daß das jetzt alles so zentral ist, da müssen wir nicht so weit herumfahren, wenn wir was wissen wollen. Ich glaube, die sind alle irgendwie eine Art Sekretär, nicht Parteisekretär, oder doch? Parteisekretärin?, na ja, von mir aus, ich kanns nicht ändern, sie sind Sekretäre für eh alles, und das alles, das ist die öffentliche Meinung, und wie man die macht, das haben sie von der Macht gelernt, in der ihre Väter, Onkel, wasweißichwernoch, ruhen wie die Kinder in der Krippe, falls sie dort rechtzeitig einen Platz bekommen haben. Aber nein, sie SIND der Platz, die Ritter des Ungefährlichen Platzes. Diese Leute haben immer schon einen Platz und müssen keinen mehr bekommen, sie legen sich als Hände unter die öffentliche Meinung, unter den Fuß des Herrn Generaldirektors, der aufs Hohe Roß aufgestiegen ist, denn da waren diese Hände, die ihn raufgehoben haben, an dessen Wahl sie brav mitgewirkt und ihr Teil, das man ihnen vorher zugemessen hat, beigetragen haben (es ist alles brav, was sie tun. Niemand kommt in Gefahr, niemand kommt irgendwohin, alle kommen sie von irgendwoher, nein, nicht von irgendwo, von dieser Partei kommen sie. Aber ihre Vorläufer in dieser politischen Bewegung sind dafür noch gestorben, ermordet worden, ins KZ gekommen, nicht daß ich diesen sympathischen jungen Menschen so ein Schicksal wünschen würde, aber andre haben es sich auch nicht gewünscht und es trotzdem bekommen. Diese Buben und Mädel bekommen genau das Schicksal, das sie sich wünschen. So wird das jetzt gemacht. So werden die gemacht. Das sind gemachte Leute, noch bevor es sie überhaupt gibt. Die Sozialdemokratie als Maßschneiderei für Karrieren, so endet sie. Das ist es, wie sie endet). Sie töten die politische Bewegung, aus der ihre Altvorderen gekommen sind. Und jetzt ist sie tot, die Sozialdemokratie, sie weiß es vielleicht noch nicht, ich glaube, sie weiß es wirklich nicht, wenn ich mir diese Gesichter so anschaue, na gut, dann helfe ich halt nach, ich erkläre sie für tot, und jetzt kommt etwas anderes. Ich ahne schon, was kommt. Ein düsterer Schatten, der sie alle hinwegfegen wird, aber vorher werden sie noch da sein. Solange sie können. Sie können, denn sie sind niemand Rechenschaft schuldig, andre rechnen vielmehr mit ihnen, und viel mehr als sie ist nicht drin. Selbstverständlich kann sich jeder ORF-Chef seine persönlichen Mitarbeiter aussuchen, aber der Niko, der ist schon ein ausgesuchter Mitarbeiter. Ausgeschlafen ist der. Grins grins grins, dagegen war die Sonne vom Wörthersee ein Kind von Traurigkeit, grins grins, ja, so machen sie, ob man es ihnen sagt oder nicht. Sie machen ja nichts. Sie grinsen, denn sie haben keine Sorgen mehr. Sie sind ernannt worden, um eine Unabhängigkeit zu demonstrieren und zu garantieren. Die eine, das Mädel, demonstriert die Unabhängigkeit einer Partei von der Kronenzeitung, der andre, der Bub, garantiert die Unabhängigkeit des österreichischen Rundfunks, welche uns aber schon einmal garantiert worden ist. Garantiert wird sie jetzt noch garantierter! Das ist so eine Mittlerposition, nein, nicht eine mittlere Position, die ist schon eher hoch, es ist egal, wie hoch, denn man braucht ja nichts, um sie auszufüllen. Wir schwingen uns auf, wir schwingen uns dorthin, als wär das ein Lehnstuhl. Omas und Opas, noch bevor sie erwachsen sind. Sie müssen sich nicht sorgen, denn es ist für sie bereits gesorgt, was sie auch tun. Das, was sie sind, existiert, und ihre Existenz, da zu sein und an der richtigen Stelle zu sein (wohin man sie gebracht, sogar getragen hat, zum Jagen getragen, falls ein andrer auch was werden will), gibt ihrem Leben existentiellen Sinn. Was sie sein sollen, was man ihnen gegeben hat, eine Position, genau diese Position, die immer eine erstrebte ist, und daher bekommen sie sie auch, gibt ihnen Sinn. Welchen hätten sie sonst? Sie hätten keinen Sinn, hätte man ihnen keinen gegeben (und ihnen gesagt, daß das ein Sinn ist. Die wüßten sonst ja nicht einmal mit ihren Sinnen etwas anzufangen). Die Unabhängigkeit des staatlichen Rundfunks, von dem aus uns allen alles verkündet wird, was wir Menschen glauben sollen, du glaubst es nicht, was ich da heute schon wieder glauben soll!, gibt in der Abhängigkeit seiner Chefs, seiner Leiter, der Büroleiter seiner Leiter, der Leiter der Büroleiter des Leiters, welche Sprossen sind, Sprößlinge, Parteikinder dieser Sozialdemokratie, welche nicht mehr gewählt wird, sondern selber wählt, sie wählt ihre Leute selber in die Positionen, die sie auch selber geschaffen hat, diesem rotblonden grinsenden Kinderkönig-Dasein seinen Daseins-Sinn, jedem Das Seine, aber das haben nicht Sozialdemokraten gesagt. Solange dieses Dasein da ist, solange man es verstehen kann, hat es seinen Sinn. Sehen Sie ihn, den Sinn? Dort rennt er! Den erwischen Sie nicht mehr! Den Sinn bekommt das alles, indem es existiert. Würde dieses grinsende Dasein nicht existieren, dann gibt es auch die Unabhängigkeit nicht, dann wäre es nicht von den Ketten gelassen, dann brauchten wir kein Fernsehen, dann könnten wir selber jeden Tag stundenlang in den Spiegel schauen, auf das Liebste, das wir haben, auf das Beste, das wir kennen. Aber es gibt immer noch Bessere. Sie heißen Laura (die nichts mit alldem zu tun hat, wie sie angibt), und Niko, der nur so angibt, und das mit Recht, dafür hat er allen Grund. An sich sind wir alle unabhängig, aber ohne uns sind wir es nicht, und ohne diese Leute gibt es Unabhängigkeit gar nicht. Ohne daß der staatliche Rundfunk für unabhängig erklärt worden wäre, wäre er gar nicht unabhängig. Sie ist nirgends mehr zu kaufen, die Unabhängigkeit, weil sie ja schon für den Rundfunk aufgebraucht worden ist. Das, was sich Menschen in der Sorge um ihr Dasein in der Krise zu kaufen überlegen, existiert nicht mehr, die Überlegung existiert nicht mehr, denn die wird den Menschen abgenommen, und unter den Schuhen dieser Mädel und Buben geht die Welt der Sozialdemokratie, grinsend wie ein Hirschhornknopf, zugrunde, die einmal für Gerechtigkeit angetreten ist. Entschuldigung, das war jetzt nicht mein Ernst! Das war wer andrer. Jetzt wird sie nur noch getreten, die Welt, indem sie diese Leute, in rahmengenähten Schuhen, nicht in Arbeiterstiefeln, die gibt es nicht mehr, nach oben befördert hat. Nichts durch nichts. Nichts hat Substanz, und daher existiert auch nichts mehr, denn die Existenz ist an irgendeine Form von Substanz geknüpft. Aber an diesen Mädeln und Buben tritt nichts zutage, was Substanz sein könnte. Und gäbe es eine, sie würde nicht zutage kommen, sie würde sich fürchten. Wo nichts mehr zu verstehen ist, wird nichts mehr verstanden werden. Wo nicht mehr gefragt wird (weil verordnet und eingesetzt worden ist), ist auch nichts fraglich, nicht einmal fragwürdig. Während Menschen angeleitet werden, sich zu verstehen, indem sie sich in Frage stellen, ist hier Fraglosigkeit alles, was uns übrigbleibt. Menschen werden eingesetzt wie Figuren. Da sind nicht mehr Katholiken oder Nationalsozialisten oder katholische Nationalsozialisten oder nationale Katholiken oder was auch immer, da ist Fraglosigkeit ohne Fragwürdigkeit, dafür aber aus sich selbst heraus. Das Nichts regiert. Das Nichts erklärt uns aus einem leuchtenden Kasten heraus die Welt, sich selbst kann es nicht erklären, wie auch, es wurde ja von irgendwo oben eingesetzt, was soll da noch groß erklärt werden, es ist ja so klein?, also kann man auch die Welt selbst einsetzen und wieder wegnehmen wie ein Puzzleteil aus einem Großen, Ganzen, das aber noch nie jemand gesehen hat. Dieser Bub und dieses Mädel, alter Parteiadel, wie man so sagt, während ein Onkel lehrt und ein Vater in der Zeitschrift die Hirne ausleert, weil sie sonst von ihm zu voll werden könnten und uns noch alle vollmachen würden, irgendeine Vollmacht dafür wird ihm schon erteilt worden sein (die Scheiße rinnt uns ja jetzt schon die Ohren runter, so vollgemacht sind wir), nichts stört diese Menschen, sie können machen, was sie wollen, sie können sich sehen lassen, und sie lassen sich sehen, sie können sich Gehör verschaffen und schon ist ihnen Gehör verschafft, sie können die Wahrheit erforschen oder Erkenntnisse gewinnen, und schon gewinnen sie wieder, sie gewinnen immer, aber in Wirklichkeit ist die Wahrheit längst weg, und die Wirklichkeit, ihre Trägersubstanz, ist gleich mitgegangen. Woanders ist mehr los. Wer sagt etwas? Dieses Unternehmen wurde gegründet, damit uns die Wahrheit gesagt werden soll, aber wie geht das zusammen, die Wahrheit und das, was da ist? Ich glaube, sie sind vorhin zusammen weggegangen, die beiden, das, was ist, und seine Wahrheit, Niko und Laura, ich habe sie noch einen Augenblick lang gesehen, dann waren sie weg, weil sie rechtzeitig da sein mußten, um die Zeit nicht zu verpassen, die ihre ist. Ja, das ist ihre Zeit! Kein Zweifel. Den Fragen wird ausgewichen, weil die Weichen längst gestellt sind. Sie verspotten uns, weil sie das alles dürfen. Der Ort der Wahrheit ist ihre Aussage. Der Ort der Wahrheit ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Dort werden sie schon dafür sorgen, daß die Aussagen zu Orten der Wahrheit werden. Da grinst dieser Lausbub. Er grinst, haben Sie das gesehen? Wieso grinst der so? Lacht der uns aus? Natürlich. Der weiß natürlich, daß Wahrheit die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand ist. Die Gegenstände hat er in der Schule gelernt, für die Schule des Lebens hat er gar keine Zeit mehr gehabt. Wozu braucht er das? Und er stimmt voll damit überein, was man ihm auch sagt, er stimmt zu, und er stimmt voll überein. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, wer ihn liebt, der folge ihm nach, dem Buben, gegen den eine ganze Buberlpartie nicht ankommt. Das ist ja einer in allen, das ist ja alle in einem! Das ist noch preisgünstig, weil wir alle anderen dann ja gar nicht mehr brauchen. Also, das haben Sie sicher verstanden: schön folgen! Um eine Erkenntnis zu gewinnen, muß es eine Differenz geben, man muß erkennen können, wo sich ein Gegenstand vom anderen unterscheidet. Das ist eine Grundvoraussetzung. Nicht im Gegenstand, sofern er im Sofernsehn ist, also gezeigt wird, liegt die Wahrheit, sondern im Urteil darüber, sofern es gedacht werden kann (oder so ähnlich, sagt es Kant), aber gedacht wird nur noch, sofern etwas gesehen werden kann. Und dafür sorgt der Bub, sorgt das Mädel aus altem Parteiwedel, äh -adel. Und mit der Unabhängigkeit verschwindet das Denken, und mit dem Sozialen verschwindet die Sozialdemokratie, und diese beiden sympathischen, netten jungen Leute sind ihre Totengräber, sie sind ihr Ende. Es hat alles aufgehört. Da hört sich ja alles auf! Nein, nein, es hat schon aufgehört. Haben Sie das denn nicht gemerkt? Merken Sie sich, daß alles aufgehört hat, sonst sehen Sie es nicht. Es hat in der absoluten Übereinstimmung aufgehört, ich bin jetzt zu zornig und auch zu faul zu erklären (warum soll denn ich, ausgerechnet ich, fleißig sein, wenn man mit nichts überallhin kommt?), was womit übereinstimmt, aber Hauptsache, es gibt eine Übereinstimmung, das Gezeigte zeigt auf sich selbst, der Verlassene ist von sich selbst verlassen, die Beziehung führt zum Beziehungsgeflecht, in dem einer den andren raufschiebt und schon den nächsten nachschiebt, ein Menschenfressermodell für das Öffentlich-Rechtliche (irgendwo müssen diese Leute ja auch wieder entsorgt werden, und Sorgen werden sie dann keine haben wollen), in dem es keine Öffentlichkeit und kein Recht mehr gibt. Das Recht geht vom Volk aus. Das Recht geht aus und haut sich auf einer Party auf die Schenkel. Sorry, das Recht ist jetzt ausgegangen, das soll auch einmal seinen Spaß haben. Niko sieht aus, als hätte er sehr viel Spaß. Das ist ihm zu gönnen. Er ist das Zeichen für das Zeigen, aber einmal werden wir merken, daß er auf uns zeigt, und wir sind weg, darin stimme ich mit ihm überein und werde ihn jetzt nicht mehr stören.

(“Der kleine Niko” © 2012 Elfriede Jelinek)

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Eine Antwort zu Der kleine Niko

  1. reittreff schreibt:

    WAS für ein Essay, erstklassig!!

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