IM Zürich: Im Wasser aufgegeben

Beim Ironman Zürich heute habe ich das Rennen mental bereits 1.000 m nach dem Start aufgegeben. Vielleicht sogar vor dem Start. Damit bestätigt sich aber nur, was sich tief in mir bereits seit längerem angebahnt hatte: die physische Form so gut wie nie, die Motivation jedoch am Tiefpunkt. Zürich ist mein letzter Ironman gewesen.

Was war passiert? Mit der mit Abstand besten Radform meines Lebens und solider Form in den übrigen Disziplinen war ich nach Zürich gekommen, um … ja wofür eigentlich? Um den Sieg würde ich nicht mitreden, und die Hawaii-Quali ist dank Pro-Ranking auch kein Thema. Maximal ein wenig Preisgeld, welches sich angesichts der Reisekosten und Spesen kaum in Gewicht fällt, und ein solide-gutes Ergebnis, welches man den Stakeholdern präsentieren könnte.

Vor dem Rennen fühlte ich – nichts. Keine Anspannung, keine Nervosität, kein freudiges Warten auf den Startschuss. Mir war das Rennen wirklich wurscht. Höchstens, dass ich wieder einmal um 4:00 morgens aufstehen, und vor dem Dixie-Klo Schlange stehen musste, störte mich.

Wir Profis starteten fünf Minuten vor dem Amateurfeld, und ich konnte mich bald in einer der vorderen Gruppen positionieren. Aber bereits nach 600 m ging mir die Schwimmerei auf den altbekannten Sack. Ich hatte meine Position gefunden, orientierte mich bei den wellig-windigen Verhältnissen besser als der Kopf der Gruppe vor mir und schwamm vor mich hin mit der Perspektive, diesen Schlurf noch weitere 3,2 km runterzubiegen.

Spätestens hier hatte ich mein Rennen aufgeben. Keinerlei Kampfgeist, keine Moral. Ich dachte nur daran, wie langweilig die nächsten Stunden wohl werden würden, in denen ich lustlos meine 4:45 h runterradeln würde, nur um dann weitere 3:04 h lang 42 x 1 km mit 4:15/km Schnitt runterzunudeln und zu hoffen, dass andere vor mir eingehen würden. Darauf hatte ich einfach. Keine. Lust.

Ich schwamm fertig und zog mir wieder meine Straßenkleidung an.

Jetzt im Nachhinein könnte ich mich pausenlos schlagen, aber wenn man diesen Stachel erst einmal im Kopf hat, wird man ihn nicht mehr los. Rafael Wyss, ein Mitstreiter aus alten Tagen, ist nach einem ähnlich schlechten Schwimmen am Rad auf Platz Sechs vorgefahren. Gut möglich, dass ich da gerade in ähnlichen Sphären herumlaufen würde. Aber wie heißt es so schön: “To finish first, first you have to finish.” Und da habe ich bereits nach zehn Minuten versagt.

Ich kann nicht einmal genau sagen, warum ich keine Motivation mehr habe. Das Training macht größtenteils Spaß, die Radform ist bombastisch und normalerweise habe ich mich immer auf meinen Wettkampf-Flow verlassen können, der mir noch einmal +20% Power gebracht hat. Doch ich finde keinen Spaß mehr an Langdistanzen. Sie stellen für mich keine Herausforderung mehr dar, zumindest wenn es sich um “einfache” Rennen wie Klagenfurt, Zürich oder Podersdorf handelt. Beim Embrunman letztes Jahr hatte ich noch dieses notwendige Kribbeln vor dem Bewerb, und es wurde eines der besten Rennen meines Lebens. Hawaii war besonders, weil es eben die WM war. Lanzarote detto, weil ein Klassiker mit schwierigem Radkurs. Heute habe ich hingegen nur stundenlange Langeweile mit Halbgas gesehen.

Vielleicht würde ich mehr Motivation finden, gäbe es für uns noch die Hawaii-Slots. Mit dem Kona Pro Ranking gibt’s kein Hawaii mehr, wenn man nicht Unsummen in weite Reisen zu mehreren Ironman-Events stecken will. Das Preisgeld ist auch nicht die Welt, vor allem wenn gegen die Reisekosten aufgerechnet.

Ich will nicht von einem Burn-Out sprechen, das würde all jene ins Lächerliche ziehen, die wirklich daran leiden. Aber im Moment kann ich mich nicht motivieren, eine Langdistanz zu machen, nur um wieder einmal ein Ergebnis zu bringen. Vielleicht habe ich bereits zu viele gemacht, sodass es an Perspektiven mangelt. Jedenfalls werde ich bis auf Weiteres keine mehr bestreiten und meinen Fokus mehr auf Kurz- und Mitteldistanz verlagern. Dort kann ich endlich wieder 100% hinhalten und fighten, anstatt zurückhaltend abzuwarten, wann der Mann mit dem Hammer kommt. Außerdem kann ich so an mehreren Bewerben teilnehmen, anstatt monatelang auf einen Tag hinzutrainieren.

Diese Entscheidung habe ich nicht im Affekt getroffen. Ich bin auch nicht frustriert, höchstens ein wenig sauer auf mich selbst. Aber diese Motivationsprobleme trage ich bereits seit der Langdistanz-ÖM in Podersdorf letztes Jahr mit mir herum. Mein enges Umfeld weiß, wie schwierig der vergangene Herbst für mich mental war. Zudem werden die Opportunitätskosten immer höher.

Noch vor einer Woche bei der Kurzdistanz in Mürzzuschlag verspürte ich volle Angriffslust, sobald der Startschuss gefallen war. Die 226 km aber haben meine Moral nur ausgehöhlt.

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12 Antworten zu IM Zürich: Im Wasser aufgegeben

  1. Martin Gebauer schreibt:

    Was du heute erlebt hast kann ich gut nachvollziehen. Ging mir selber so (wenn auch auf tieferem Niveau). Und wenn ich heute Ronnie das gefühlte 100ste Mal in Zürich siegen sah bekam ich endgültig das grosse Gähnen. Ironman hat seinen Mythos endgültig verkauft. Stinklangweilige, sich ständig wiederholende und zur Beliebigkeit verkommene Veranstaltungen.

    Meine Motivation habe ich an Feld- Wald- und Wiesensprinttriathlons wiedergefunden. Als alter Sack macht es mir Spass mich mit den jungen “Schnufern” zu messen und den einen oder anderen trotzdem “abztröchne”. Bei einer Stunde Renndauer ist man auch wieder schnell zu Hause und kann den Sonntag mit der Familie geniessen, sich ein Bierchen genehmigen und das Leben geniessen.

    Dir wünsche ich trotz temporärem Durchhänger, dass du deine Freude am Sport wiederfindest!

    Gruss vom Zürisee
    Martin

    • Rocco schreibt:

      danke, sehe ich ähnlich. als profi habe ich mir leider zu oft Rennen aufdiktiert, von denen ich dachte ich “müsse” sie machen. Da war selten viel Spaß dabei. Generell habe ich als Profi weniger Spaß am Sport als als Agegrouper. Das hat weniger mit den Platzierungen zu tun, als viel mehr mit unterlegenen Zwängen

      Triathlon macht mir weiterhin viel Spaß. Und es gibt auch lässige Ironman-Rennen. Nur muss ich auf die eben brennen, sonst wird das nix. Mal eben nen Sprint oder Kurzen zu machen geht noch, aber ein Langer ist zu 60% ein Test der mentalen Stärke

  2. Joe Werner schreibt:

    Ich sag immer: Ein Job muss Spaß machen, sonst geht man ein. Bei so Jobs wie Ironman Pro (und auch vielen “Jobs” in der Wissenschaft), die echt mieses “return of investment” (und keine Jobsicherheit) haben gilt das doppelt. Warum macht man den Kram? Weil man es toll findet, es Laune macht, es andere tolle Leute gibt mit denen man sich gerne misst (egal ob körperlich oder geistig) und nicht, weil man damit mordsmäßg Asche verdienen könnte (Tip: geht net, hätten wir Fussballer werden sollen oder Investmentbanker). Wenn dann die Lust dran weg ist: das ist dann ganz ganz doof. Dann kann man auch irgendwo 9-5 Zeit absitzen. Wollen wir aber alle nicht!
    Der Plan mit nur noch knackige Rennen zu machen (sei es weil kürzer + richtig schnell und dadurch hart und man da die Gegner richtig plattmachen kann oder lang und richtig hart) klingt gut und ich wünsche Dir viel Erfolg und dass die Lust wiederkehrt! “Posing, Porn und Triathlon”, ohne die nötige Geilheit auf den Sieg geht das schlecht (und es macht echt mehr Laune, die “Sieg in…” oder “Fünfthärtester Gärtner” Artikel zu lesen als das andere, ja: gehört dazu und es ist schön für die Fans zu wissen woran es hängt, aber trotzdem).
    Kopf hoch! (klingt irgendwie… doof. aber ist ernst gemeint)

    Joe (ein Wissenschaftssklave und AGer mit mieser Laufform…)

  3. Markus schreibt:

    HI Max,

    vielleicht ja Xterra ? du weißt ja der Trans Vorarlberg ruft nach dir :-) )
    Was du meinst , leb ich auch gerade aus – wald und wiesn WK – einfach geil. Rennen für 20 € die super organisiert sind, WZ z.B: in einer Wohnstrasse usw. :-) ) und ehrlich !!!!

  4. Don der Knochenmann schreibt:

    Wie Frau Holmes bei Scientology, hast auch du den Absprung geschafft. Und sei stolz darauf, viele bleiben hängen und verglühen endgültig beim herumeiern.

    “YOU AREN’T AN EIERMANN!”

    und der kuchen in litschau ist eh besser als der frass in zürich.

  5. Roli schreibt:

    Hallo, es ist traurig zu lesen wenn die Motivation flöten geht, leider kannst du warscheinlich nur mit Back-to-the-Roots zu deinen Wurrzeln zurückkehren die dich einst zum Triathlon gebracht hat… Ironman ist NICHT Triathlon sonder nur ein Bestandteil davon

    Ich wünsch dir viel Glück bei der Selbstfindung und gutes Gelingen

    Roli
    BTW.: gibt die Wolfgangseechallenge immer nocht schau mal vorbei auf der HP http://www.wolfgangseechallenge.at/

  6. Manuel schreibt:

    Hi Max,
    ich verfolge nun Deine Karriere schon seitdem du das erste mal auf Hawaii mit dabei warst. Seitdem du als “Pro” gemeldet warst hat man auch Deinen Blogeinträgen angemerkt das du den Spaß ein wenig verloren hast. Vielleicht bist du nicht der Typ der sein Leben nur auf eine “Säule” ausrichten kannst. Wenn es so ist, ehrt es Dich. Ob du nun “Wald und Wiesen” Wettkämpfe machst oder irgendwann wieder Mdot Wettkämpfe bestreitest, hoffe ich für Dich dass du wieder den Spaß findest den du verloren hast. Wenn es soweit ist haben auch Deine Fans aus Deutschland beim Lesen wieder mehr zu lachen, und freuen sich riesig mit Dir.
    Bleib Geil.
    Manuel

  7. Tobias schreibt:

    Hey Max, dann mach doch einfach die ausgefallenen Rennen – gibt doch genug davon. Inferno, Embrun (kennste ja schon), Norseman, Celtman, Ultraman (der dreitägige auf Hawaii). Oder eben wirklich wieder die kurzen, wenn die dich mehr reizen.

    Ich find gerade den langen mentalen Kampf gg sich selbst beim IM extrem reizvoll – ich hab die fehlende Motivation hauptsächlich im Training gespürt, weil ich einfach keine Freizeit mehr außer Sport hatte. Also hab ich aufgehört, bzw. ne Pause gemacht. Wenn du jetzt fehlende Motivation bei Rennen feststellst, dann machst du sicher das richtige, wenn du auf diese Rennen verzichtest. Vielleicht kommt die Lust auf LD dann ja auch irgendwann wieder. Ich bin jedenfalls wieder kurz davor… ;)

    Hau rein!

  8. Jo schreibt:

    versteh ich gut, geht mir aehnlich. ein rennen der TRISTAR serie mit 2-200-20km oder 1-100-10km waere fuer dich als starken radfahrer doch perfekt, oder?

  9. Stephan schreibt:

    Egal welchen Sport man in welcher “Klasse” betreibt. Man muss nicht immer weiter, schneller und höher kommen. Denn was bringt es mir, wenn ich am Start schon sage: ich schaffe es nicht! Und um so älter man wird um so sorgfältiger sollte man sich die Wettkämpfe aussuchen. Aber vielleicht muss man sich auch mal eine neue Herausforderung in einer anderen Sportart suchen. Ich bin lange Distanzen gelaufen und war viel auf dem Rad unterwegs. Aber irgendwann stellte ich fest, dass ich was Neues brauche. Ich habe eher durch einen Zufall den Golfsport für mich entdeckt und festgestellt, Hier geht es mehr um Taktik, Vorausschauen und Feingefühl als um Kraft und Ausdauer. Auch “kämpfe” ich im Golf meistens nur gegen mich selbst und kann mich auch in einem Turnier mit den viel besseren Golfern messen.

  10. Hallo hier ist wieder marisa aus Thailand eigentlich aus Wien und nun gerade in der Schweiz am zugersee.
    Ich finde es immer gut wenn man Veränderungen in seinem leben zulässt. Ich finde du hast ein talent zum schreiben. Hast du schon mal darangedacht das mehr auszubauen als nur für deinen Blog?
    Ich finde es schon von dir zu lesen und tlw sehr spannend wie du berichtest. Ich kann mir die Bilder aus deinen Schilderungen samt Gefühlen dazu gut vorstellen.

    Dein letzter Eintrag klingt ein wenig wie eine Entschuldigung für deine Fans, statt Freunde über die Neuerungen.
    Lg marisa aus Zug

    • Rocco schreibt:

      ich habe 4,5 Jahre als Redakteur bei der “Mountainbike Revue” gearbeitet, für zahlreiche andere Publikationen geschrieben und bin aktuell auch in Diensten des “Finisher”. Das ist alles ein netter Zeitvertreib gewesen, und ich habe sehr tolle Plätze gesehen/Dinge erlebt. Aber als Journalist arbeiten würde ich nicht wollen. Nicht nur, dass mir sprachlich und literarisch das Zeug fehlt, um es einem H. Gansterer oder auch nur einem Auto-Revue Redakteur gleich zu tun. DIe Arbeitsverhältnisse und Gehälter im Journalismus sind auch nicht so prickelnd.

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